International Mantis Boxing Competition
– und ich habe mehr als seine Medaille mitgenommen

Mehr oder weniger bin ich für den Wettkampf nach China gekommen und ich dachte mich dort beweisen zu müssen und die bestmögliche Platzierung zu erreichen. Doch diese Reise wurde zu etwas Größerem: einer Erinnerung daran, dass Mindset eine Fähigkeit ist – und dass eine Platzierung nicht alles widerspiegelt.

Tag 1 – Museum des Mantis-Boxens und Eröffnungszeremonie

Die Fahrt von der Schule nach Laiyang (dem Geburtsort des Mantis-Stils) dauerte ungefähr zwei Stunden. Als wir ankamen, checkten wir in ein richtig schickes Hotel ein, registrierten uns für den Wettkampf und gingen im Speisesaal des Hotels Mittagessen. Es gab eine riesige Auswahl an Essen – alles Chinesisch – und es fühlte sich ehrlich gesagt wie der perfekte Start an.

Nach einer kurzen Pause besuchten wir ein Museum über Mantis-Boxen. Alles war auf Chinesisch (war auch irgendwie nicht anders zu erwarten), aber ich konnte trotzdem die wichtigsten Punkte verstehen: die verschiedenen Stile, die Meister, ein bisschen Geschichte. Ein Mann zeigte uns sogar direkt vor Ort ein paar Mantis-Techniken seines Sils. Und weil ich Chinesisch spreche, wollten sie mich interviewen. Als Ausländerin ist man hier definitiv etwas „Besonderes“.

Am Abend war die Eröffnungszeremonie in einem riesigen Stadion. Es gab nicht viele Ausländer – und ich war die Einzige, die aus Deutschland teilnahm. Der offizielle Teil fühlte sich endlos an, aber sobald die Show begann mit Kung Fu, Tanz und Musik, änderte sich die Stimmung. Es erinnerte mich daran, warum ich überhaupt trainiere.

Danach gingen wir zurück ins Hotel, um uns zu erholen – sehr dankbar für die Klimaanlage bei diesem heißen und schwülen Wetter.

Tag 2 – Wettkampfbeginn, Vorbereitung und Show

Tag 2 war der Tag, an dem der Wettkampf begann. Wir mussten noch nicht antreten, also nutzten wir den Tag, um uns mit dem Gelände vertraut zu machen und anderen Gruppen zuzuschauen. Der Platz für Zuschauer war extrem begrenzt weshalb man nicht einfach so auf die Zuschauertribüne spazieren konnte. Aber Shifu hat es geschafft uns durch die Kontrollen zu schleusen. Ich schaute genau hin – nicht nur auf die Bewegungen, sondern auch auf die Energie dahinter.

Nach dem Mittagessen gingen wir in den Park, um unsere Formen zu wiederholen. Und am Abend sahen wir noch eine weitere Show mit Vorführenden aus verschiedenen Mantis-Stilen.

Das habe ich geliebt: zu sehen, wie dieselbe Kampfkunst komplett unterschiedlich aussehen kann. Jede Form hatte ihren eigenen Charakter. Es hat mich daran erinnert, dass es nicht nur einen Weg gibt, stark zu sein – Stärke kann langsam und ruhig sein, explosiv oder schnell. Auch war nahezu jedes Alter vertreten. Ich habe allein durch Beobachten sehr viel gelernt.

Tag 3 – Wettkampftag!

Dann war mein großer Tag. Ich wachte früh auf und machte mich fertig – Make-up, Frühstück, alles. Um 7:30 fuhren wir zum Wettkampfort, aber unsere Gruppe war eine der letzten, also warteten wir bis ungefähr 10. Ich war müde, und ehrlich: Warten ist ein eigener Test. Ich fing an zu denken: Was wenn die Matte nicht ausreicht und ich während meiner Form zu nah an die anderen komme? Wir waren alle 4 gleichzeitig dran. Und habe ich eine Chance gegen die beiden Champions?

Aber ich erinnerte mich daran:

Ich bin hier um mein Bestes zu geben und meinem Traum ein Stückchen näher zu kommen.

Endlich begannen wir uns aufzuwärmen und uns als Gruppe aufzustellen und  zu gehen, wo wir auftreten würden. Ich bewegte mich viel und wiederholte Teile meiner Form – um meinem Körper zu sagen:

Du kannst das. Du hast dafür trainiert. Glaub an dich!

Und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Ich stand schon auf der Matte. Ich begann meine Form. Und es lief eigentlich ganz gut. Ich machte keine Fehler. Auch wenn ich mich in manchen Bewegungen nicht komplett stabil fühlte, dachte ich: Ich habe es gar nicht schlecht gemacht.

Natürlich wusste ich, dass ich gegen Champions antrete. Aber das Ergebnis… war nicht das, was ich mir erhofft hatte. Zuerst war ich enttäuscht. Denn wenn man hart arbeitet, möchte man, dass es sich auch in den Resultaten zeigt…

Später am Nachmittag wurde ich gefragt, ob ich vor allen Meistern auftreten kann. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, noch einmal zu performen und als Shifu mich in Richtung Bühne schob, war es immer noch wie eine Überraschung.

Aber in dem Moment änderte sich etwas. Ich hörte auf, über Ergebnisse nachzudenken. Ich hörte auf, über die Menschen nachzudenken, die mir zuschauen. Ich war einfach da – fokussiert und vollkommen präsent in meiner Form. Und ich spürte es: die Kraft, die daraus entsteht etspannt zu sein. Ohne zusätzliche (unnötige) Anspannung. Nicht erzwungen.

Als ich wieder auf meinen Platz zurückging, legte jemand eine Hand auf meine Schulter und sagte: „Good job.“ Und mein Shifu lächelte. Und in diesem Moment war ich stolz – nicht wegen einer Medaille, sondern weil ich gemerkt habe: Ich habe mich nicht versteckt. Ich bin vor all diesen Meistern aufgetreten.

Die Zeit war generell recht knapp bemessen und als wir im Hotel ankamen, wartete das Abendessen schon. Und direkt nach dem Essen hatte ich noch einmal einen Auftritt im Park gegenüber vom Hotel.

Und diesmal? War ich überhaupt nicht nervös. Ich konnte es wirklich genießen.

Das Wichtigste, das ich mitgenommen habe

Daran werde ich mich am meisten erinnern: nicht an die Punktzahl, sondern an die Veränderung die zwischen den Vorführungen sattgefunden hat.

An den Moment, in dem ich vom *Mich-beweisen-wollen* zum *Einfach-ich-selbst-sein* gewechselt bin – und zeigen konnte wofür ich schon so hart gearbeitet habe: mit Disziplin, mit Herz, mit Leidenschaft.

Ich hatte einen wunderbaren Abend, und am nächsten Tag hatten wir etwas Freizeit, um Laiyang zu erkunden, bevor wir zurück zur Schule fuhren.

Und jetzt geht meine Reise weiter.

In den nächsten Monaten werde ich weiter an der Schule meines Meisters trainieren, um meine Fähigkeiten zu verbessern. Aber dieser Wettkampf hat mich daran erinnert, dass Mindset genauso wichtig ist wie körperliche Stärke. Wenn der Kopf den Körper blockiert, wirst du nie zeigen, wozu du fähig bist.

Fortschritt ist nicht immer ein Podestplatz. Manchmal ist Fortschritt einfach, auf die Matte zu treten – auch wenn du müde bist, auch wenn du nervös bist, auch wenn du enttäuscht bist – und es trotzdem zu tun. Und ich weiß, dass ich besser geworden bin und dass mein Wachstum real ist – auch wenn es nicht jeder sofort sieht. Ich möchte mehr an mich glauben!

Ich werde weiterhin teilen, wie meine Reise weitergeht.

Danke, dass du dabei bist!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert